Leseprobe – Die Adern des Marmor

In einer fremden Stadt. Ich bin verabredet. Und habe den Termin verpaßt. Hilflos zuerst, weiß ich nicht so recht, was zu tun ist. Auf der Suche nach einer Telefonzelle ist alles plötzlich nicht mehr wichtig. Ich finde Gefallen an der Umgebung im Dämmerlicht. An den fremden Menschen, die vorüberhasten. 

Ich habe es gar nicht mehr eilig. 

Der Wind weht. Frisch, aber nicht kalt. Ein paar Schritte nach der langen Autofahrt tun gut. Die Kirchturmuhr zeigt kurz vor halb sieben. 

Schön ist die Innenstadt mit ihrem aufgesetzt wirkenden Fußgängerbereich nicht. ‘Alle Städte haben so etwas, also müssen wir es auch haben’, werden die Stadtväter denken. Wahrscheinlich. 

Hin und wieder geben Gäßchen den Blick nach außen frei. Eine Gasthausbeleuchtung schimmert: ‘Dorfschänke’. Die Dorfschänke in der Stadt? 

Dort werde ich einkehren. 

*

Enttäuscht stelle ich fest, daß es sich nur von außen um ein altes Gasthaus handelt. Innen ist es auf modern getrimmt. Später kann ich dem Ganzen doch einiges abgewinnen. Obwohl alles für Menschen jüngeren Alters gemacht scheint, ist es nicht üblicher Diskothekenstil. Die kleinen runden Tische an der Fensterfront und die hohen an den Wänden ergänzen sich gut. 

In der Mitte die Theke: ein Halbkreis, nach hinten offen. Ich setze mich auf einen hochbeinigen Hocker, von wo aus ich fast den ganzen Raum übersehen kann. 

Die Gäste haben nur kurz aufgeblickt, mich knapp gemustert. Haben sich dann wieder ihren Beschäftigungen zugewandt: den Unterhaltungen, dem Zeitunglesen, dem Skatspiel. 

Der Wirt ist ein junger Bursche in Blue Jeans und kariertem Hemd. Ich bestelle ein Bier. Er zapft sorgfältig. Als er zu mir herübersieht, lächle ich ihm zu. Er lächelt knapp zurück und wendet sich wieder der Arbeit zu. 

Die Musik gefällt mir. Aus den Lautsprechern tönt eine verjazzte Bluesmelodie. Gitarre, Baß, Schlagzeug und Stimme. Vielleicht noch eine Orgel – schwer zu identifizieren. Ich höre genau hin, um festzustellen, von wem das Stück sein könnte. Ich kenne es nicht. Es erinnert an Mike Bloomfield. Aber der ist es nicht. 

Der Wirt stellt das Bier vor mich auf die Theke. Als er den Strich auf den Deckel macht, lächelt er. 

“Sie sind wohl fremd hier?” 

“Ja, ja.” 

Er nickt und geht an seine Zapfhähne zurück. Ich schaue nach den anderen Gästen. Mir gegenüber hockt ein junger Mann. Er liest ein Comic-Heft. Scheint sehr vertieft.

Hinter ihm an den hohen Tischen tobt ein Skat-Spiel. Die Männer dreschen lautstark und entschieden. Einer von ihnen, ein schwarzhaariger, modischer Draufgängertyp, führt das große Wort: “Das hättest du doch wissen müssen,Junge!” schnauzt er; oder: “Da hast du wieder geschlafen, Junge!” 

Die Bezeichnung ‘Junge’ für seine Partner – oder vielmehr Kontrahenten – scheint mir ein wenig gewagt. Die anderen nehmen sie hin, ohne zu protestieren. Selten ist ihr Versuch zur Rechtfertigung. Der Modische erstickt ihn im Keime. 

Ich weiß nicht, wer gewinnt. Gern würde ich kiebitzen, aber als Fremder laß’ ich es lieber. 

‘Eine eigenartige Gesellschaft,’ denke ich. Dabei ist sie wohl nicht eigenartiger als in vielen anderen Kneipen. Das scheinbar Eigenartige fällt mir auf, weil ich hier fremd bin. 

An dem hufeisenförmigen Tresen haben viele Gäste Platz. Rechts neben mir sitzt eine junge Frau. ‘Sie ist hübsch,’ denke ich. Das halblange, dunkelblonde Haar hängt fast bis auf die Theke. Sie hat sich über die letzte Ausgabe des SPIEGEL gebeugt. Ich erkenne die Titelgeschichte: ‘Suchtkranke’. Vor zwei, drei Tagen habe ich sie selbst gelesen. 

Ab und zu blickt sie leicht auf, um ihre Umgebung zu mustern. Dazu nutzt sie vor allem die Unterbrechungen des Umblättems. 

Sie trägt weite Kleider und eines dieser glitzernden Tücher, die ich in der letzten Zeit oft gesehen habe. Ich weiß nicht, ob ich sie schön finde.Jedenfalls paßt das Tuch gut zu ihren übrigen Kleidungsstücken. Sie scheint einen angenehmen Geschmack zu haben. 

Früher habe ich einmal in einer Beat-Band gesungen und Schlagzeug gespielt. Es ist schon mehr als zwanzig Jahre her. Damals haben wir es – zuerst der Attraktivität wegen, dann aber auch aus musikalischen Gründen – eine Zeitlang mit einer Sängerin versucht. – Daß ich ausgerechnet jetzt an sie denke. Irgendwie muß die junge Frau mich an die Sängerin erinnern. Ein ähnlicher Typ. 

Damals wäre die Kleidung der Frau anstößig gewesen. Gammlig, hätte man wahrscheinlich gesagt. Heute hielte man sie in der Szene eher für angepaßt und bürgerlich. 

Sie müßte sich als Sängerin anders anziehen, denke ich. Wie würde sie wohl aussehen? – 

Ich schüttle den Kopf. Eigenartige Gedanken. Vielleicht sollte ich mit ihr darüber reden. Sie einfach ansprechen. Es könnte immerhin sein, daß sie tatsächlich eine Musikerin ist. 

Über all’ den Gedanken habe ich mein Bier ausgetrunken. Ich bestelle ein neues. Der Wirt lächelt und nickt. 

Ich sehe wieder zu der Frau hinüber. Ich bin nicht der einzige, der sich für sie interessiert. Neben ihr, halb verdeckt, sitzt ein junger Mann. Er ist im Begriff, näher an sie heranzurücken. Sie tut, als ob sie es nicht bemerkt. Ich kann unschwer feststellen, daß ihre Blicke beim Aufsehen nur mehr zu dem jungen Mann an ihrer Seite wandern. 

Bald spricht er sie an. Als sie gerade umblättert. Sie hält mit Lesen inne und antwortet ihm. Es entspinnt sich eine Unterhaltung. Der SPIEGEL liegt unbeachtet vor ihr. ‘Sie scheinen sich ganz akzeptabel zu finden,’ denke ich. Vielleicht ist akzeptabel nicht das richtige Wort. Ich suche vergeblich nach einem treffenderen. Vielleicht reden sie über Musik. Über die Bluesmusik, die noch immer aus den Lautsprechern tönt. Oder über etwas Abgelegenes, etwas für Liebhaber. 

Wie sich das sagt: “Etwas für Liebhaber,’’flüstere ich. Der Wirt stellt gerade das Glas vor mich hin und lächelt überrascht. Vielleicht hat er mein Flüstern verstanden. Ich lächle zerstreut zurück. In Gedanken bin ich ganz woanders: Etwas für Liebhaber. 

Eine lange vergessene Situation ist unvermittelt präsent. Die Kollegin, bei der ich alles andere vermutet hatte, aber nicht, was ich zufällig erfuhr: Sie war und ist vielleicht noch eine Verehrerin von Werner Koch. Sie sah das Buch mit dem Titel ‘Jenseits des Sees’ auf meinem Schreibtisch. Ich hatte es mitgenommen, um es zuende zu lesen. Bis zum Feierabend konnte ich nicht warten. 

Sie sah es und fragte ein wenig schüchtern: “Haben Sie es schon gelesen?” Als ich ganz erstaunt nickte: “Ich auch, bis heut’ morgen um fünf.” Röte stieg ihr ins Gesicht. Ich konnte vor lauter Überraschung nichts anderes als ziemlichen Blödsinn fragen: “Wie fanden Sie’s?” 

Ein paar Tage später habe ich sie dann in der Kantine nach ihrer ‘Liebhaberei’ gefragt. Wir verabredeten uns für den Abend. 

Es war ein wunderschönes Gespräch. Nachdem ich anfangs viel gefaselt hatte, um – wie man so unschön sagt – das Eis zu brechen, hörte ich fast nur noch zu. Sie war phantastisch. Es war keine Liebhaberei, es war eine Leidenschaft, die mir den Atem verschlug. 

Leider verlor ich sie später aus den Augen. Zuerst wechselte sie den Arbeitsplatz, dann ich. Es war eine Menge Arroganz, vielleicht auch beleidigtes, dummes Verhalten meinerseits dabei. Sie hatte eine Affäre mit einem Kollegen, den ich nicht ausstehen konnte. Wie ein unreifer, verzogener Musterknabe, der immer nur erfahren hat, daß sich alles nach ihm richtet, ging ich ihr aus dem Weg. Später wollte ich den Kontakt wiederherstellen, aber es blieb bei dem Versuch.

Eine andere Erinnerung schließt sich an: Die Frau, mit der ich seit Jahren Kontakt hatte und deren Beurteilungsvermögen in musicis ich eher skeptisch gegenüberstand. 

Eines Tages hörten wir bei mir zuhause in einer Gesellschaft von sechs oder sieben Leuten ganz zufällig Jan Akkerman. Weil seine neue Platte gerade auf dem Plattenteller lag. Sie erkundigte sich, wer das sei. Als ich es ihr sagte, fragte sie: “Der von Focus?” Völlig überrascht bejahte ich, und sie fuhr fort: “Klingt heute noch genauso. Dabei muß es schon viele Jahre her sein.” 

Ich bestätigte ihr, daß seine Focus-Zeit längst vorüber war. Meines Wissens existierte die Gruppe gar nicht mehr: Dann sprachen wir nicht weiter darüber. 

Als ich sie später einmal in ihrer Wohnung besuchte, griff sie das Thema wieder auf. Sie erzählte mir von frühen musikalischen Erlebnissen und von ihrer Verehrung für Akkerman, dessen Gitarrenspiel sie immer fasziniert hätte. Die Erzählung weitete sich zu einer Art Lebensgeschichte. Ob es Bedauern war oder das melancholische Glück des Wiederfindens, ich weiß nicht, was sie bei ihren Worten empfand. Ich wollte es auch nicht wissen. Was für mich zählte, war die gemeinsame ‘Liebhaberei’. 

Wie im Falle von Werner Koch blieb dieses Gespräch eine Episode. Eine Arabeske im schmucklosen Alltagsleben. Vielleicht bleibt es deshalb so eindrucksvoll haften. Wir neigen dazu, Dinge, Situationen und Beziehungen ‘auszukosten’ und sie damit zu zerstören.

*