Tramp, Harlekin und Poet – Persönliche Anmerkungen zu Bob Dylan

Most of the time
I’m strong enough
not to hate.

(Bob Dylan)

Am 24. Mai 2006 wurde Bob Dylan 65 Jahre alt. Eigentlich ein nicht akzeptables Alter für einen Künstler, dessen Song „Forever Young“ (veröffentlicht 1974 auf der LP „Planet Waves“) seine Fangemeinde hoffen ließ, er werde nie altern und uns bis in alle Ewigkeit mit seinen Liedern wachrütteln. Freilich hat er das Lied über die ewige Jugend nicht auf sich selbst bezogen, sondern auf seinen kleinen Sohn Jakob, für den er es 1972 schrieb und dem der Vater wünschte, er möge von Sorgen und Nöten verschont bleiben. „Mögen deine Hände immer emsig sein, deine Füße immer hurtig, … möge dein Herz immer fröhlich sein, … mögest du für immer jung bleiben“, schrieb der gerade in einer tiefen Ehekrise steckende Dylan seinem Jüngsten ins Stammbuch.

Es sind, seit Dylan in der ersten Hälfte der 1960er Jahre seinen kometenhaften Aufstieg zuerst am Folk- und Country-Himmel der USA und dann auch weltweit als Blues- und Rockmusiker schaffte, Unmengen von Aufsätzen und Büchern über ihn geschrieben worden. Die Flut der Publikationen hält unvermindert an und ist inzwischen selbst für Spezialisten nicht mehr überschaubar, zumal in fast allen Ländern der Welt über den Songpoeten veröffentlicht wird. Ich habe mich deshalb bei den Vorüberlegungen zu diesem Aufsatz gefragt, was für ein kleines Tröpfchen ausgerechnet ich, der ich Dylan erst vergleichsweise spät für mich entdeckt habe, dieser großen Flut hinzufügen könnte. Es gibt eine Fülle als Gesamtschau angelegter, manchmal auch durchaus kompetenter Schriften über Dylan (es gibt allerdings auch eine Menge Schrott); es gibt unzählige Besprechungen seiner Platten und Texte, die ihrerseits in vielerlei Ausgaben wohlfeil erhältlich sind. Also habe ich mich entschlossen, den vorliegenden Gesamtdarstellungen und Einzel-Würdigungen keine weitere, auch keine knappe, hinzuzufügen, sondern lieber ein paar sehr persönliche Anmerkungen zu einem, wie ich meine, der größten Künstler des letzten Jahrhunderts zu verfassen und in unbescheidener Anmaßung das Licht seiner Bedeutung für die Entwicklung nicht nur der populären Musikszene wenigstens matt aufscheinen zu lassen.

Wer sich aber einen kompletten Überblick verschaffen und dazu einen wirklich gut geschriebenen Text lesen möchte, den weise ich auf das jüngst erschienene Buch von Olaf Benzinger: „Bob Dylan – Seine Musik und sein Leben“ hin (dtv premium, 4/2006). Wer aber, wie ich, viele der Dylan-Stücke und seiner sonstigen Texte (beileibe freilich nicht alle!) als Fan verehrt und seine Verehrung bestätigt finden möchte, der möge nach wie vor den schönen Aufsatz von Siegfried Schmidt-Joos: „Bob Dylan – Songs auf dem Hochseil“ lesen (in: Idole – von Hibbing nach Ashbury Park. Ullstein 1984), auch wenn er die Lebensgeschichte Dylans nur bis 1983, bis zu seiner LP „Infidels“ darstellt.

Erst im Herbst 1965, als Dylan in Insider-Kreisen längst ein internationaler Star war, begann ich mich ernsthaft und intensiv mit seinen Liedern zu befassen. Der Grund war die Veröffentlichung eines seiner berühmtesten Titel, des Rock-Songs „Like A Rolling Stone“. Plötzlich war dies von einem prägnanten Orgelspiel getragene, so überaus fesselnde Lied in allen Hitparaden verzeichnet und lief sogar in sonst eher verstaubten deutschen Radioprogrammen. Es ließ sich einfach nicht überhören; wenn man „in“ sein wollte, mußte man damit vertraut sein. Damals ging ich in die Oberprima des Gymnasiums und machte selbst Musik in einer Beat-Band. Natürlich kannte ich Dylan-Songs, und seinen bis dato bekanntesten, „Blowin‘ In The Wind“, hatten wir sogar in unserem Repertoire. Allerdings kannten wir ihn eher in der Hit-Fassung, die Peter, Paul and Mary 1963 aufgenommen hatten; eine vergleichsweise schmalzige Version des von Dylan so provokativ und kratzig angelegten Folk-Songs. Ähnlich war es mit anderen Dylan-Kompositionen: „Mr. Tambourine Man“ kannten wir wegen der Anfang 1975 in allen Hitparaden präsenten Version der Byrds; „It’s All Over Now Baby Blue“ wurde uns von Van Morrison und Them nahegebracht.

Angelsächsische „folkmusic“ war damals in Deutschland im Kommen. Wenn man sich als Musiker auf die Zukunft einstellen wollte, mußte man sowas im Programm haben. Was eigentlich dahinter steckte, wußten wir indessen allenfalls vage. Wir sangen zum Beispiel den poetischen, nicht eben sehr konkreten Text von „Blowin‘ In The Wind“ herunter und dachten uns nicht viel dabei. Der Song paßte in eine Zeit, die sich mählich auf Protest gegen überkommene, verklemmte und verlogene Zustände einstellte, und er tippte in kryptischer Frageform manches Problem an, das jugendliche Gemüter beschäftigte: vom Erwachsenwerden bis zu Krieg und Frieden, von Ungerechtigkeit und sozialen Verwerfungen bis zu Mitleid und Liebe. Antworten freilich gab Dylan nicht, die zu finden überließ er seinem Publikum. Immerhin, damit war das Lied den gängigen Schlagern mit ihren albernen und banalen Herz-Schmerz-Texten, die in der Anfangszeit auch von den Beatles, den Rolling Stones und anderen unserer damaligen Halbgötter in ähnlicher Weise aufgetischt wurden, qualitativ meilenweit voraus. Hinzu kam, daß man es mit seinen vier Akkorden leicht nachspielen konnte und daß die Melodie zum romantischen Schmalzen geradezu herausforderte.

Das also war mein Dylan-Fundament, als 1965 „Like A Rolling Stone“ die Szene aufmischte. Wieder ein poetischer Text mit ungewöhnlichen Formulierungen, allerdings nicht mehr als Protest konzipiert, sondern als Abrechnung mit einem arroganten Feine-Leute-Kind, das aus irgendwelchen Gründen gewaltig auf die Schnauze fällt und lernt, wie es ist, wenn man sich wie ein „Rolling Stone“, wie der letzte Dreck fühlt: „Wie fühlt man sich, … wenn man ganz allein ist, ohne einen Weg nach Hause, wie ein vollkommen Unbekannter, wie der letzte Dreck?“ Das war natürlich eine Steilvorlage für jugendliches Aufbegehren und für die zur Schau gestellte Verachtung für alle privilegierten Angeber. Hinzu kam, daß exzellente Musiker am Werk waren, die einen vorzüglich komponierten Rock-Song adäquat eingespielt hatten. Nicht mehr Dylan allein mit seiner (meist eher unprofessionell gespielten) Gitarre und seiner Mundharmonika, sondern hier bediente Al Kooper die Keyboards, und an der Gitarre präsentierte Dylan keinen Geringeren als Mike Bloomfield, damals wohl der beste Blues-Rock-Gitarrist jenseits des Ozeans. Dadurch ließ sich der Song von uns Hobby-Musikern natürlich nicht mehr so leicht nachspielen, das war ein Nachteil. Aber darum ging es auch eigentlich gar nicht, wichtiger waren der Text und die ungewöhnliche, überaus eindringliche Art, wie Bob Dylan ihn vortrug. Ich war von einer Minute auf die andere ein Dylan-Fan. Das war doch plötzlich ein richtiger, poetischer, aufsässiger, jugendgerechter, anspruchsvoller Text, den man zu einer originellen Melodie singen und bei dem man sich etwas denken konnte: „Klar, du warst auf den besten Schulen, Miss Lonely. … Keiner hat dir je beigebracht, auf der Straße zu leben. … Du hast gesagt, du läßt dich nie ein mit dem geheimnisvollen Tramp, aber jetzt wird dir klar: er verkauft keine Alibis …“ – Kein Wunder, daß John Lennon von den Beatles in einem Interview bekannte, erst durch die Songs von Dylan habe er begriffen, daß man zu populärer Musik auch anspruchsvolle Texte schreiben könne. Es ist eben ein ganz entscheidender Unterschied, ob man „I Want To Hold Your Hand“ intoniert oder ob man sein Publikum in aggressivem Tonfall wissen läßt: „You Don’t Need A Weather Man To Know Which Way The Wind Blows.“ – Ich will nicht übertreiben, aber wenn man’s sich recht überlegt: Solch eine Dylan-Zeile birgt die Qualität des kantischen Satzes über die Aufklärung als Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Freilich in einer zeitgerechten Sprache, die alle Adressaten problemlos verstanden. Kant hätte gestaunt.

Jetzt wurde es für mich höchste Zeit, das nachzuholen, was ich seit 1962 verpaßt hatte: Ich besorgte mir die bis dahin vorliegenden Langspielplatten Dylans – es waren einschließlich „Highway ’61 Revisited“, auf dem „Like A Rolling Stone“ enthalten ist, ihrer sechs – und entdeckte eine ganz neue, faszinierende Welt der populären Musik, die mich zunächst verwirrte, weil sie so wenig mit der vorher von mir favorisierten Beat-Musik zu tun hatte, die mich dann aber bald ganz und gar in ihren Bann zog, weil hier Texte und Melodien zu hören waren, die wirkten, als wären sie der veritable Pulsschlag einer ungestümen Zeit, die auf ein noch unbekanntes Ziel zustrebte. Einige Jahre später, 1970, erhielt Dylan die Ehrendoktorwürde der Princeton University. In der Begründung heißt es, Dylans Lieder bildeten „den authentischen Ausdruck des beunruhigten Gewissens seiner Generation“. Vielleicht etwas steif und allzu akademisch formuliert, aber so und nicht anders wirkten seine Songs tatsächlich auf mich. Matthias R. Schmidt, der über Dylan und die sechziger Jahre ein kluges Buch geschrieben hat, drückt es so aus: „Dylans Lieder sind Spiegel ihrer Zeit, ein Erbe des Jahrzehnts der Rebellion – Geschichte nach Noten.“

Es waren viele der frühen Dylan-Lieder, die mich faszinierten. Ich will nur wenige davon beispielhaft nennen: „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“, „Masters Of War“, „With God On Our Side“, „All Along The Watchtower“ und – natürlich – „The Times They Are A-Changing“. Wenn ich an „Hard Rain“ denke, dann habe ich das Gefühl, als liefe mir noch heute ein Schauer über den Rücken, der an die Gänsehaut erinnert, die mir das Stück damals verursachte. Dylan hat den Song während der Kuba-Krise 1962 geschrieben; zu einer Zeit, als nicht wenige mit Schrecken den Machtkampf zwischen John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow verfolgten und den Einsatz atomarer Waffen befürchteten. Später hat Dylan zwar bestritten, daß es sich in erster Linie um diesen Konflikt handele, den sein Lied spiegelt, es gibt aber die bedrohliche Atmosphäre der damaligen Wochen und Monate in einer so dichten und beklemmenden Sprache und Form wider, daß es sich nicht davon trennen läßt. Für mich jedenfalls ist es der lyrische Ausdruck der damaligen Bedrohung.

Dylan greift kunstvoll auf eine alte englische Ballade zurück, gibt ihr einen aktuellen, hochgradig poetischen Text und schraubt die Melodie mit seiner aufdringlichen Stimme unaufhaltsam den schrillen Refrain hinauf, daß man die Gefahr, in der die Welt und speziell die USA schwebten, geradezu körperlich spürt. Und dazu nur eine dumpf und eintönig geschlagene Gitarre. Benzinger, der diesen Song, wie viele andere Kenner, für einen der besten Dylans hält, schreibt dazu: „Dylan streift durch apokalyptische Reflexionen und Visionen im Stil der französischen Symbolisten Arthur Rimbaud oder Charles Baudelaire, und er führt die Zuhörer auf eine Tour de Force durch beklemmende Landschaften, die den düsteren Bildern von Hieronymus Bosch entsprungen zu sein scheinen.“ Nur eine kleine Textprobe: „Ich geh‘ in die Tiefen des finstersten Waldes, wo viele Menschen mit leeren Händen umherlaufen, wo das Wasser von Giftschlieren gezeichnet ist, wo das Heim im Tal neben dem schroffen, dreckigen Gefängnis steht, wo das Gesicht des Henkers immer gut verborgen ist, wo häßlicher Hunger und vergessene Seelen zu finden sind, wo die Farbe schwarz und die Zahl null heißt …“

In ähnlicher Weise unterlegt Dylan viele seiner Lieder mit allenfalls zu spürenden, nicht aber genau zu benennenden Stimmungen, die das Inhumane, Verwerfliche, Unselige im Zusammenleben der Menschen ausdrücken. Selten, wie in „Masters Of War“, ergreift er eindeutig Partei; meist überläßt er es seinem Publikum, aus seinen poetischen Kompositionen Botschaften zu machen. Natürlich wurde er trotzdem in Anspruch genommen, vor allem von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, der er sich, in der Tradition von Woody Guthrie, wohl zeitweilig auch zugehörig fühlte. Jedenfalls schrieb er eindringliche Lieder über Fälle von Rassendiskriminierung und über schreiendes Unrecht gegen die Schwachen in der Gesellschaft. Mag sein, daß die Grande Dame des amerikanischen Protestsongs, Joan Baez, mit der Dylan zeitweilig liiert war, ihn dazu ermuntert hat. Immer aber, wenn man glaubte, ihn endgültig zuordnen und vereinnahmen zu können, überraschte Dylan mit neuen, anderen Akzenten, die gar nicht zu den bisherigen Vorstellungen paßten. Dylan war, ist und bleibt ein Individualist, der nichts mehr liebt als seine Freiheit, sich ganz nach seinen jeweiligen Interessen und Absichten vor allem musikalisch zu äußern. Und diese Interessen und Absichten gleichen den Wandlungen eines Chamäleons. Obwohl er mit diesen Wandlungen immer wieder einen Teil seines Publikums vor den Kopf stieß – per saldo wurde es immer zahlreicher, weil stets mehr neue Fans dazukamen als er alte verlor.

Ich meinerseits versuchte Mitte der Sechziger ebenfalls Lieder zu schreiben, die im Stile Dylans daherkamen. Erst viel später, als ich Mitstreiter gefunden hatte, habe ich mich für etwa ein Jahrzehnt intensiver mit solcher Musik beschäftigt und mich an der Peripherie der deutschen Liedermacher-Szene herumgetrieben. Dort war Dylan im übrigen ebenfalls für die meisten ein großes Vorbild. Hannes Wader zum Beispiel schrieb Anfang der siebziger Jahre in einem seiner Texte: „Ich träumte, daß ich Bob Dylan fragte, was er von meinen Liedern hält, … Meine Frage wird wohl nie beantwortet werden, ist vielleicht auch besser so.“ (Auf seiner LP „7 Lieder“ aus dem Jahr 1973) – 2003 erwies auch der Dichter und Liedermacher Wolf Biermann Dylan seine Reverenz, indem er die „Eleven Outlined Epitaphs“ (Elf Entwürfe für meinen Grabstein), die Dylan 1964 auf der Rückseite seines Albums „The Times They Are A-Changing“ veröffentlicht hatte, mit viel Bombast neu übersetzte. Allerdings darf man diesen Versuch mit aller Berechtigung als ‚voll daneben’ bezeichnen.

1978 endlich konnte ich Bob Dylan life erleben. Auf einer Europa-Tournee kam er am 1. Juli auch nach Nürnberg. Ausgerechnet auf dem Zeppelin-Feld, dem Reichsparteitagsgelände der Nazis, trat der als Robert Zimmerman in Minnesota geborene jüdische Sänger, der sich Anfang der 1960er Jahre den Namen Bob Dylan gab, auf. (Die Gründe für die Wahl des Künstlernamens sind nicht genau klar; daß er sich wegen des versoffenen walisischen Dichtergenies Dylan Thomas umbenannte, wie die Legende es will, ist aber wohl unzutreffend.) Benzinger meint, dies sei „einer der Konzerthöhepunkte in seinem gesamten Bühnenleben“ gewesen. Ich habe es, ehrlich gesagt, nicht so empfunden. Das lag sicher daran, daß die mehr als 70000 Zuhörer aufgrund der problematischen Akustik allenfalls zur Hälfte der Musik teilhaftig werden konnten, die andere Hälfte mußte sich mit dem Erlebnis der Atmosphäre begnügen, die freilich wegen sich schweißtreibend drängelnder Fans eher durchwachsen war. Leider hatte ich einen sehr mäßigen Platz, so daß ich die musikalischen Darbietungen Dylans und seines Vorprogramms – unter anderen Eric Clapton und Champion Jack Dupree – nur sehr fragmentarisch genießen konnte. Dennoch: Es war ein großes Erlebnis. Da stand er nun, Bob Dylan leibhaftig, ohne dessen Inspiration die moderne Rock-Musik nicht mehr denkbar war. Ich bin heute noch stolz, daß ich dabeigewesen bin, wenn meine Ohren auch nur wenig Musik zu hören bekamen und die unmittelbar hinter mir postierten, völlig überforderten Toiletten-Wagen schon bald sanft gen Himmel stanken.

1976 hatte Bob Dylan eines seiner schönsten Alben veröffentlicht, „Desire“, in dem er sich auch wieder gesellschaftlich engagierte. Sein Song „Hurricane“, der die Geschichte des unschuldig im Gefängnis sitzenden Boxers Rubin Carter darstellt, trug maßgeblich dazu bei, daß der Delinquent später frei kam. Es war die Zeit, zu der seine Frau Sara sich von Dylan trennte. Noch einmal versuchte der Musiker seine Ehe zu retten und nahm zu diesem Zweck den zum Herzerbarmen flehentlichen Song „Sara“ in sein Album auf. Aber es nützte nichts, die Verbindung ging in die Brüche und Dylan verlor den bis dahin wohl wichtigsten Anker in seinem Leben, der auch durch Joan Baez, die sich mit dem Song „Oh Sister“ gemeint fühlte, nicht ersetzt werden konnte. (Tatsächlich wollte Dylan mit diesem Lied wohl eher eine Lanze für die Frauenbewegung in den USA brechen.)

Wer immer Dylan bis dahin noch nicht für einen großen Künstler gehalten hatte, der tat es nach diesem Album. Der amerikanische Dichter Allen Ginsberg schrieb über die sich anschließende „Rolling Thunder-Tournee“: „Dylan ist dabei, sein Königreich aufzubauen und zu erforschen, und er ist eine ganz neue Art von Majestät. Er allein hat die maßgebliche Kraft, seine eigenen monumentalen Sprachbilder zu gestalten, sie umzubauen und neu anzulegen.“

Im Sommer 1979 war ich auf Urlaub in Paris. Kurz bevor ich nach Hause zurückkehrte, fand ich in einem Plattenladen im Quartier Latin Dylans neues Album „Slow Train Coming“. Ich war begeistert und konnte kaum erwarten, die Scheibe daheim auf den Schallplattenteller zu legen. Nicht nur die neuen Lieder, auch die beteiligten Musiker schraubten die Erwartung in kaum zu übersteigernde Höhen. Dylan hatte unter anderen den Ausnahme-Gitarristen Mark Knopfler, der gerade mit seinen Dire Straits Furore gemacht hatte, engagiert. Und was für eine Enttäuschung, als ich die Platte dann einige Male gehört hatte. Zuerst hatte ich mich noch an der Musik delektiert, dann aber die Texte genauer zur Kenntnis genommen, wie es bei Dylan-Stücken gar nicht anders geht. Um Gottes willen – der Meister hatte sein Herz für Jesus entdeckt. In geradezu liebedienerischer Art und Weise thematisierte Dylan sein Erweckungserlebnis und seine Wandlung zum allzu gläubigen Christen. Nicht daß man ihm seinen Glauben nicht zugestehen mochte, aber mußte er sich damit so marktschreierisch anbiedern? Nichts oder doch fast nichts blieb übrig von dem kritischen, sarkastischen Gesellschaftsanalytiker, dem humanistischen Träumer, dem individualistischen Freigeist. Dylan predigte. Der Titel des ersten Songs sagte schon alles: „Gotta Serve Somebody“. Nun wollte Dylan Jesus dienen und sonst niemand.

Nicht nur für mich brach eine Dylan-Welt zusammen. Schon einmal hatte der Meister uns brüskiert, mit seinem Country-Schmalz-Album „Nashville Skyline“ aus dem Jahre 1969 und dem sich anschließenden „Self-Portrait“. Aber dies war schlimmer, es war ein Verrat an der Integrität der Rockmusik. Es sollte allerdings noch schlimmer kommen. Dylan legte 1980 und 1981 noch zweimal nach: mit seinen Alben „Saved“ und „Shot Of Love“. Alles Predigten im Namen Jesu. Natürlich trat er vom jüdischen zum christlichen Glauben über. Seine Konzerte mutierten zu Missionsveranstaltungen mit Gehirnwäsche-Charakter. In dieser Zeit, ich gestehe es, vermied ich es tunlichst, Dylan zu hören. Vielleicht auch nicht gerade eine sehr tolerante Haltung; aus heutiger Sicht kommt mir ein Hinweis, den Dylan in einem Interview gab, nicht ganz unberechtigt vor: Wenn ich mich dem Bhagwan untertänig gemacht hätte, so sagte er sinngemäß, hätte man es mir wohl weniger übelgenommen.

Wie dem auch sei – wahrscheinlich brauchte Dylan nach der Trennung von seiner Frau Sara, mit der er vier Kinder hat, wohl eine neue Orientierung. Zwar heiratete er später noch einmal, aber auch diese Ehe hielt nicht. Es dauerte einige Jahre, bis der Songpoet seine alte Souveränität und Identität wiedergefunden hatte. Es ging ein weltweit hörbares Aufatmen durch die Szene der Dylan-Fans, als er 1983 mit dem wunderschönen Album „Infidels“ (Ungläubige) herauskam. Hier schien wieder der alten Dylan die Stimme zu erheben. Die religiöse Phase war offenbar vorüber. Bis auf ein Stück, in dem er Israels Aggressionspolitik gegenüber den Palästinensern verteidigte („Neighbourhood Bully“), ging es im wesentlichen um Kritik am American Way of Life, der Hybris, Dünkel und Profit über Anstand und Moral stellte. Vor allem Präsident Reagan geriet in die Schußlinie Dylans (mit dem ironischen Titel „Man Of Peace“). Insgesamt wieder ein sowohl musikalisch (Mark Knopfler war wieder dabei) als auch textlich absolut überzeugender Auftritt. Lyrische Anknüpfungen an frühere Titel, zum Beispiel an „All Along The Watchtower“, und mythologische Anspielungen, die viel Raum für Interpretation und Spekulation lassen, versöhnten die Dylan-Gemeinde und katapultierten den Songschreiber von heute auf morgen wieder an die Spitze der Rockpoeten weltweit.

In den folgenden Jahren verlängerten sich die Abstände zwischen den Erscheinungsdaten von Dylans Original-Alben immer mehr. Ich hatte den Eindruck, als ließe auch die spontane Energie nach, mit der Dylan sich früher in seine Song-Themen verbissen hatte. Jetzt schien er diese Energie eher in seine Konzertauftritte zu investieren, die immer neue, teils verstörende, teils aber auch bereichernde Interpretationen seiner alten Titel hervorbrachten. Um 1990 begann Dylan eine „Never Ending Tour“, die von 1998, als der Meister von einer schweren Krankheit genas, bis heute um die eintausend Auftritte gezeitigt hat. Weil er sich nirgends so wohl fühle wie auf der Bühne, begründete Dylan diese Manie.

Seine Platten indessen präsentierten kaum noch etwas mit den prägnanten Songs der Anfangszeit Vergleichbares, obwohl die meisten von ihnen, vor allem „Oh Mercy“ aus dem Jahre 1989 sowie seine beiden letzten CDs „Time Out Of Mind“ (1997) und „Love And Theft“ (2001) von vorzüglicher musikalischer Qualität waren. An die Stelle der neuen, aufregenden Songs schien eine Art Altersweisheit zu treten, die in der souveränen Beherrschung unterschiedlicher Musikstile sowie vor allem in der gleichbleibend hohen Qualität seiner poetischen Texte zum Ausdruck kam. Hier schrieb und komponierte ein einsamer Wolf, der die Quintessenz seiner Lebensmaximen gefunden hat und nicht mehr um jeden Preis auf sich aufmerksam machen muß. Welche Weisheiten er aber ganz konkret vermitteln möchte, war und ist dem Meister nur schwer zu entlocken. Die inhaltliche Deutung seiner Botschaften überließ und überläßt er nach wie vor seinem Publikum. Seine seltenen Interviews machten alles eher noch rätselhafter; im wesentlichen saß Dylan zwischen den Konzerten in seinem New Yorker Domizil oder im Studio und beschwieg seinen wachsenden Ruhm.

Mitte der Neunziger hörte ich erstmals davon, daß für das lyrische Werk Dylans der Nobelpreis gefordert wurde. Allen Ginsberg war einer der ersten, die sich entsprechend äußerten, aber auch aus akademischen Kreisen kamen seriös begründete Empfehlungen an die Kommission in Stockholm. Der amerikanische Literaturprofessor Gordon Ball begründete die Nominierung Dylans 1996 mit folgenden Worten: „Seit den frühen sechziger Jahren hat Mr. Dylan aus Worten und Musik ein nahezu unendliches künstlerisches Universum geschaffen, das den gesamten Globus durchdrungen und wirklich die Weltgeschichte verändert hat. Natürlich ist er vor allem als Musiker bekannt, es wäre jedoch ein ungeheurer Fehler, seine außerordentlichen literarischen Leistungen zu ignorieren. Musik und Lyrik sind ja ursprünglich eng miteinander verbunden, und Mr. Dylans Werk ist ein bedeutender Beitrag zur Erneuerung dieser wesentlichen Verbindung.“ Dem ist nicht viel hinzuzufügen, allenfalls der Hinweis, daß Dylans Poesie einschließlich seiner Texte, die er nicht für seine Songs geschrieben, sondern auf den Covers seiner Platten und zum Beispiel in seinem 1971 erschienenen, experimentellen Buch „Tarantula“ oder im ersten Teil seiner Autobiographie „Chronicles Vol. 1“ (2004) veröffentlicht hat, mindestens so nobelpreiswürdig sind wie die ideologischen Kabinettstückchen eines Dario Fo.

Andererseits: Höchste Preise und Auszeichnungen nationaler und internationaler Art hat Dylan in Hülle und Fülle eingeheimst, einschließlich Oscar und Grammy. Angesprochen darauf, was er von der Nobelpreisnominierung halte, äußerte er sich skeptisch: ob er überhaupt in die Linie der Hemingway, Faulkner und Steinbeck eingereiht werden möchte, wisse er nicht so recht. Sei’s drum: Ich finde, der Nobelpreis für Dylan ist längst überfällig, und ich werden nicht aufhören, dies bei passender oder unpassender Gelegenheit kundzutun.

Daß Dylan immer für eine Überraschung gut ist, bewies er 1988 und 1990 auf eine bisher nicht dagewesene Art und Weise, als er zusammen mit Musiker-Freunden auf zwei Alben zu hören war, die unter dem Namen „The Travelling Wilburys“ veröffentlicht wurden. George Harrison von den Beatles, Tom Petty von den Heartbreakers, Roy Orbison (der leider vor dem zweiten Projekt verstarb), Jeff Lynn vom Electric Light Orchestra und eben Bob Dylan präsentierten ihre Scheiben „Volume 1“ und „Volume 3“ („Volume 2“ gibt es nicht) und stürmten damit an die Spitze der LP-Hitparaden. Ich war hingerissen, als ich die Platten hörte. Jedes der Stücke ein Ohrwurm, und natürlich waren ein paar Dylan-Kompositionen dabei (die freilich nicht auf den Covers ausgewiesen wurden); sie zeichneten sich durch die rauh sägende Stimme des Meisters und durch poetische Dylan-Texte aus. „Tweeter And The Monkey Man“ heißt eines dieser Stücke, und sein bizarrer Text sowie der treibende Beat des Songs zeigen einen Mannschaftsspieler Dylan, der dem Gruppensound eine völlig neue Qualität verleiht. Wenn sich jemand einmal eine gute Portion „Happy Music“ antun möchte, der es nicht so schrecklich ernst ist mit ihren Botschaften und zu der sich trefflich relaxen läßt, dann möge er oder sie zu den „Travelling Wilburys“ greifen.

Inzwischen ist Bob Dylan ein alter Mann von 65 Jahren. Schon auf seiner CD „Time Out Of Mind“, die er kurz vor seinem 60. Geburtstag aufnahm, schien er ein Abschiedswerk zu präsentieren, das dem Ende des Lebens seinen Tribut zollte. Dann aber kam mit „Love And Theft“ 2001 ein neuer, der bisher letzte Höhepunkt seines musikalischen Schaffens. Benzinger schreibt dazu: „… eine perfekte Mischung aus Bibel und Blues, Shakespeare und Darwin, Balladen und Folksongs, Scott Fitzgerald und Robert Johnson, Rhythm & Blues und Jazz, Groucho Marx und japanischer Novellenkunst und nicht zuletzt: Rock’n’Roll.“ Das ist vielleicht ein bißchen überschwänglich, aber es trifft.

„Love And Theft“ (Liebe und Diebstahl) vereinigt auf virtuose Art und Weise unterschiedliche Musikstile, vor allem aber nimmt es den Alterskummer des vorangegangenen Albums zurück und vermittelt bei aller Relativierung durch die sich mehrenden Jahre doch wieder Lebensfreude. Eine – vielleicht – bezeichnende Strophe aus „Summer Days“: „Woher kommst du? Wohin gehst du? Tut mir leid, das mußt du eigentlich gar nicht wissen. Ich hab so lang mit dem Rücken zur Wand gestanden, er wirkt wie festgeklebt. Warum brichst du mir nicht noch mal das Herz? Scherben bringen Glück.“ In seinem SPIEGEL-Interview aus dem September 2001 sagte Dylan zu seiner Platte: „Ich bin kein nostalgischer Mensch. Gut, Sie haben Recht, die meisten der Songs haben traditionelle Wurzeln, obwohl ich sie alle selber geschrieben habe. Aber ich vermisse nichts von früher. Ich lebe gern in der Gegenwart.“

Viele Menschen, nicht nur Musiker oder Musik-Fans, haben sich immer wieder bei Bob Dylan Orientierung geholt. Viele sind dabei immer wieder frustriert worden, weil sie keine konsistente Botschaft finden konnten. Eines aber wurde einem dabei zwangsläufig klar: Es gilt, seinen eigenen Weg zu finden, nicht den Weg anderer zu imitieren: „You Don’t Need A Weatherman …“ – Viele Musiker haben die Dylan-Songs nachgespielt, haben neue, teils sehr erfolgreiche Versionen daraus gemacht. Dylan ist der am häufigsten gecoverte Songschreiber in der populären Musik-Szene. Und nicht nur dort. Auch ein Jazz-Virtuose wie Jan Akkerman hat Dylan-Songs in seinem Repertoire. „All Along The Watchtower“ zum Beispiel hat er in vielen Versionen immer wieder life gespielt oder auf Platte präsentiert.

Auf eine Cover-Version möchte ich ganz besonders hinweisen: 1995 nahmen die Rolling Stones den Dylan-Titel „Like A Rolling Stone“ auf. Ich finde, er ist der Version des Meisters fast ebenbürtig und mit das Beste, was die Stones je eingespielt haben. Nomen est Omen. – Und noch ein Hinweis: Martin Scorsese hat 2005 den Film „No Direction Home“ über Dylan gedreht. In dem Drei-Stunden-Opus wird ein sehr detailliertes und differenziertes Bild des Songpoeten gezeichnet, das aus einer Mischung von aktuellem Interview, zeithistorischen Dokumenten und den Statements von Zeitzeugen zustandekommt. Ich kenne keinen besseren Film über Dylan und empfehle allen, die seiner ansichtig werden können, ihn unbedingt anzuschauen.

Ganz zuletzt: Ach, Bob Dylan, du hast mir einige der schönsten Momente in meinem Leben geschenkt. Dafür werde ich dir immer dankbar sein.

Nachtrag

Als ich diesen Text fertig geschrieben hatte, am 24. August 2006, kam die neue CD von Bob Dylan Modern Times heraus. Er äußert sich in den zehn Songs des Albums spöttisch und boshaft zur modernen Pop-Musik, es lohne sich nicht, so meinte er in einem Interview, sich die Musik der letzten zwanzig Jahre anzuhören, es sei nichts Taugliches darunter. Also greift er seinerseits auf die amerikanische Tradition vor allem des Blues, des Rockabilly und der Ballroom-Music zurück. Herausgekommen ist dabei ein vorzügliches Album, das bei aller Nostalgie zu den besten Werken Dylans zählen dürfte. Willi Winkler meint in der Süddeutschen gar, Modern Times sei „die beste Dylan-Platte seit ‚Blood On The Tracks’ (1975) geworden“. Das ist wohl doch ein wenig übertrieben, aber der Meister zeigt es mal wieder allen, vor allem den Retorten-Musikern, denen es nur um den schnellen Eintagsfliegen-Erfolg geht.