Leseprobe – Zwei Schüsse

Zwei Schüsse. Die Tür des Cafe Heartbreaker schlug auf. Laute, hämmernde Musik drang auf die Straße. Eine dunkel gekleidete Gestalt stürzte heraus, setzte ungelenk über die beiden Treppenstufen vor dem Eingang, rannte wie von Furien gehetzt den Bürgersteig hinauf Richtung Schelde-Promenade am Steenplein. An den zahlreichen Passanten vorbei, die im fahlen Licht der Dämmerung erschrocken zurückwichen. Ein Mann, so war trotz der wehenden Mähne zu vermuten. Die schwarze Gestalt rannte wie ein kräftiger Mann. Ohne daß ihn jemand aufhielt, überquerte er im Zickzack die Uferstraße, den Jordanskaai, riskant und knapp den zahlreichen Autos ausweichend, eilte die breite Treppe hinauf, nah am Wasser die Promenade entlang, ohne langsamer zu werden. Dann auf der anderen Seite, am Ende der Promenade, hastig die enge Wendeltreppe hinunter, über die Straße, wieder zwischen hupenden und bremsenden Autos hindurch, in Richtung jüdisches Viertel. Er verschwand in einer engen Gasse, zwischen den dicht an dicht gebauten Häusern. 

Allmählich langsamer hastend, blickte er sich um. Niemand, so schien es, folgte ihm. Er lief weiter, nun schwer atmend. Sein Husten wie ein heiseres Bellen. Die schwarzen Rockschöße flatterten. Die Schritte über das Katzenkopfpflaster wurden kürzer, stolpernder. Bis er innehielt, sich auf einem Fenstersims abstützte, tief vornüber gebeugt, und sich mit wild flackerndem Blick umsah. Noch immer schien ihm niemand zu folgen. Aber aus der Ferne eine Polizei-Sirene. Der Mann setzte seine Flucht fort, knöpfte das Jackett zu. Eilig ausschreitend mit mühsam gezügeltem Atem nach links, Richtung Hauptbahnhof. Dann wieder rascher hastende Schritte, die langsamer wurden, sobald ihm Passanten begegneten. Um nicht aufzufallen. Immer wieder die Blicke zurück, die tastenden Blicke in das Halbdunkel der Querstraßen. Bevor er Meir, die breite Zufahrt zum Bahnhof, erreichte, eine kurze Weile der zögerlichen Orientierung. Dann halblinks hinüber, wieder in das Gewirr der Altstadt-Gassen. Er wischte sich Schweiß vom Gesicht. Hielt kurz inne, fand sein Spiegelbild in einer SchaufensterScheibe. Strich sich hektisch durch das dichte grau-schwarze Haar. Blickte hinauf zum Straßenschild. Rannte dann plötzlich wieder los. Als geriete er in Panik. In der Ferne nun die Kakophonie mehrerer Polizei-Sirenen. 

Die Gasse bog nach links, zur Rechten ein düsterer Platz mit Müll-Containern. Hinter einer hohen Backsteinmauer, ins milchige Licht der soeben entflammten Straßenlaternen getaucht, die schiefen Giebel von ungleichmäßig aneinander gelehnten, eckig verschachtelten Fachwerkhäuschen. Ein Beginenhof. Der Mann eilte um die Mauer herum durch das Eingangstor. Blickte sich noch einmal hastig um. Hetzte mit langen Schritten über den Hof. Dann verschwand er hinter einer der braun gestrichenen Wohnungstüren. 

Vor dem Cafe Heartbreaker parkten mit blinkendem Signallicht drei weiß-blaue Polizeiautos. Zwei Polizisten standen links und rechts vor dem Eingang und ließen niemand hinein oder heraus. Wim Gettemans hockte zusammengesunken auf einem Barstuhl. Er rauchte, inhalierte tief. Drei Uniformierte schirmten ihn und die Gäste des Cafes, ein gutes Dutzend, von der in einer Blutlache halb unter dem Billardtisch liegenden Gestalt des Erschossenen ab. Im Todeskampf schien er sich unnatürlich zusammengekrümmt zu haben. 

Zwei in hellblaue Schutzanzüge gekleidete Gestalten untersuchten den Toten und die unmittelbare Umgebung. Ein Fotograf machte aus verschiedenen Blickwinkeln Bilder von der Leiche und vom Tatort. Auf dem Billardtisch lag eine Walther P 38 Parabellum, von einem weißen Kreidekreis umrahmt. Auf der anderen Seite des Tisches stand Kommissar Oliver Dachkin. Er ging um den Billardtisch, um die am Boden hockenden Kollegen herum, an den eilig und unordentlich gegen die Theke geschobenen Stühlen entlang. Es lief leise Musik von Manfred Mann’s Earth Band. 

Lassen Sie die Musik ruhig an, sagte der Kommissar zu einer verschüchtert hinter dem Tresen Schutz suchenden Kellnerin die den CD-Player ausschalten wollte, weil die Scheibe zuende war. Aber nicht lauter, fügte er hinzu, als Annie Knaepen, die hübsche brünette Kellnerin, die CD erneut gestartet hatte. I’m a down without a circus sang Chris Thompson zu den Leslie-Klängen von Manfred Manns Keyboards. 

Dann umrundete Dachkin den Tatort noch einmal. Bedächtig prägte er sich Details ein. Wies den Fotografen auf Kleinigkeiten hin; beiläufig bedeutete er einem seiner Beamten, einen Aschenbecher und ein Bierglas von der Theke zu nehmen und sicherzustellen. Schließlich wandte er sich Gettemans zu. 

Sie sind hier der Chef? 

Ja, … ich bin der Pächter, ich habe den Laden gepachtet … – Wim Gettemans drückte mit zitternden Fingern seinen Zigarettenstummel aus. 

Sie haben doch bestimmt ein Büro oder so was. 

Ja, sicher, Gettemans deutete auf eine Tür hinter dem Tresen. Kommen Sie, der Kommissar ging voraus. Einem der Polizisten machte er ein Zeichen, mitzukommen. 

Er wandte sich noch einmal um. Niemand geht weg, und auf die Toilette nur in Begleitung. 

Die beiden anderen Polizisten nickten. 

Setzen Sie sich und erzählen Sie. Dachkin hatte sich hinter dem Schreibtisch niedergelassen, seinen Pepita-Hut nahm er ab und legte ihn auf einen Aktenbock, den rostfarbenen Mantel behielt er an. Wim Gettemans schaffte einen Stuhl heran. Der Uniformierte lehnte Gettemans schräg gegenüber an der Schreibtischkante. Dachkin startete ein kleines Aufnahme-Gerät. 

Die Ereignisse hatten Gettemans völlig verunsichert. Obwohl in seinem eigenen Büro, kam er sich wie in einem offiziellen Verhörraum vor, in dem man sich nach strengen Vorschriften zu richten hat. Darf ich rauchen? fragte er deshalb. 

Bin zwar Nichtraucher, aber meinetwegen. 

Gettemans zog ein Päckchen Lucky Strike aus der Tasche, steckte es dann aber wieder weg; einen Moment zögerte er, dann zuckte er hilflos mit den Schultern und holte das Päckchen wieder vor. Der Polizist gab ihm Feuer. 

Fangen Sie ganz vorn an, sagte Oliver Dachkin, wann haben Sie heute den Laden aufgemacht? 

Ja, Gettemans inhalierte fahrig, wie immer um 17 Uhr. Dann kommen schon einige Stammgäste, wissen Sie … 

Es entspann sich ein langes Gespräch zwischen dem Kommissar, dem Polizisten und dem Pächter. Den zunächst eher unpräzisen Angaben Gettemans’ begegnete Dachkin mit behutsamen Nachfragen. Seinen ungeduldigeren Kollegen hielt er mit besänftigenden Handbewegungen von einer allzu strengen Tonlage ab. Wim Gettemans gewann allmählich seine gewohnte Sicherheit zurück und erzählte nun genauer, beantwortete die Fragen präziser, überlegte, wenn es um Details ging, und wies darauf hin, daß sein Personal und die anderen Gäste manches sicher besser wahrgenommen hätten. 

Im Protokoll der Antwerpener Polizei fand sich später die zusammenfassende Darstellung des Geschehens, wie es die ermittelnden Beamten festgestellt hatten: 

Das Cafe Heartbreaker, eine Kneipe, in der vor allem mittelalte Männer und Frauen verkehren, die eine leicht angegammelt anmutende Atmosphäre schätzen und gern Rockmusik hören, liegt im Erdgeschoß eines Eckhauses am Grote Markt mit Blick auf den Brabo-Brunnen nur etwa zweihundert Meter von der Schelde und dem Steen entfernt. Der Pächter Wim Gettemans, ein 48 Jahre alter ehemaliger Antwerpener Musiker, hat das Lokal zu einem Treffpunkt von treuen Stammgästen gemacht, denen sich nationale und internationale Touristen sowie Rockmusik-Liebhaber aus aller Welt zugesellen. Das Cafe ist täglich außer montags von 17 Uhr bis tief in die Nacht, offiziell bis zwei Uhr morgens, geöffnet. Es ist nicht gerade eine Goldgrube, sichert seinem Pächter aber vor allem wegen der Attraktivität für Rockmusik-Fans ein gutes Auskommen. Besonders die regelmäßigen Live-Konzerte von international bekannten Musikern, aber auch von hoffnungsvollen Amateuren aus Antwerpen und Umgebung erfreuen sich hoher Beliebtheit. Neben Gettemans arbeiten in der Kneipe die 32jährige Kellnerin Annie Knaepen und wechselnde Hilfskräfte, die je nach Bedarf angeheuert werden. Außerdem kommt jeden Morgen eine Putzkolonne, die das Lokal sauber macht. Sie wird von einer überregionalen Firma namens Fast Clean gestellt. 

Einige der Gäste, vielleicht auch der Pächter selbst, scheinen Hasch oder Marihuana zu rauchen. Bei der kriminaltechnischen Untersuchung von Aschenbechern und von Zigarettenstummeln, die auf dem Boden des Cafes lagen, wurden Reste von Dope gefunden. Auf einer der Toiletten wurde ein Spritzbesteck sicher gestellt, das man wohl kurz vorher dort abgelegt hatte, vermutlich um es vor der Polizei zu verbergen. 

Am 15. November, einem Tag ohne Live-Musik, öffnete Gettemans pünktlich um 17 Uhr. Zunächst fanden sich nur etwa ein halbes Dutzend Gäste ein. Gegen 18 Uhr kam der Amerikaner David Connelsen hinzu, der sich – vielleicht um einen Drogendeal anzubahnen – seit einigen Tagen in der Stadt aufhielt und das Heartbreaker schon einige Male besucht hatte. Nach Auskunft der amerikanischen Kollegen vom FBI wurde gegen Connelsen mehrfach wegen Drogenhandels ermittelt, bisher allerdings ohne Resultat. Die näheren Umstände seines Aufenthaltes in Antwerpen, Wohnung, Kontaktpersonen etc., müssen noch festgestellt werden. Seinen Ausweispapieren nach war er 54 Jahre alt und in Nashville, Tennessee, polizeilich gemeldet. Gemäß Aussage der Kellnerin Annie Knaepen gab er sich als Musikalienhändler aus, der vor allem akustische und elektrische Gitarren aus den USA nach Europa verkaufte. Connelsen war ein sportlicher, kumpelhafter Typ, der gern, häufig und laut lachte. Nicht unangenehm, aber ein bisschen zu aufdringlich, meinte Gettemans; allzu sehr von sich überzeugt. 

An diesem Abend setzte er sich an den Tresen und bestellte wie üblich Jack Daniels und Bier der Marke Palm. Er fing mit Annie Knaepen ein Gespräch an; nach Aussage der Kellnerin hatte er bereits in den Tagen zuvor immer wieder ihre Nähe gesucht. Annie fand den Amerikaner ganz sympathisch, konnte aber wegen der anderen Gäste nur sporadisch Gesprächskontakt zu ihm halten. Sie sprachen englisch miteinander, und Annie fielen besonders die spontane, humorvolle Art von David Connelsen und seine tiefe Blues-Stimme auf; außerdem zeigte er sich überaus kenntnisreich, wenn es um Rockmusik und Rockmusiker ging. Er habe sehr selbstbewusst und männlich auf sie gewirkt, so drückte Annie sich aus. 

Connelsen hatte Gettemans schon am ersten Abend angeboten, im Heartbreaker mit einem Bluesrock-Programm aufzutreten. Zum Beweis seiner Professionalität schenkte er dem Wirt eine CD, die er zusammen mit einer amerikanischen Blues-Band im letzten Jahr aufgenommen hatte. In dieser Art gebe es noch etwa ein Dutzend mehr, sagte Connelsen, früher, in den Siebzigern und Achtzigern, habe er als Berufsmusiker sein Geld verdient, danach nur noch sporadisch Musik gemacht, wenn er Lust dazu hatte. Die neue CD heißt Hawkstorm. Gettemans spielte sie ab und an im Heartbreaker, zu einem Auftritt Connelsens kam es aber nicht. 

Gegen 18 Uhr dreißig am 15. November betrat ein neuer Gast das Cafe, den weder Wim Gettemans noch Annie Knaepen dort bisher gesehen hatten. Er grüßte auf englisch, schien aber seinem Verhalten nach kein Engländer oder Amerikaner zu sein. Eher Holländer oder Deutscher. Allerdings antwortete er auf Annies flämische Worte in Englisch. Der Fremde passte zum gewohnten Publikum, er war etwa fünfzig Jahre alt, mittelgroß und schlank, breite Schultern und üppiges schwarzes Haar, das von grauen Strähnen durchzogen war; er trug einen schwarzen Anzug über einem dunkelblauen Hemd, keine Krawatte. Er grüßte freundlich, war sonst aber schweigsam, ließ sich an einem Tisch schräg im Rücken von Connelsen nieder und bestellte ein Heineken. Gettemans beobachtete, daß er von seiner linken Hand einen dünnen schwarzen Lederhandschuh abstreifte und ihn in die Jackentasche steckte, den Handschuh rechts behielt er an. Als Annie das Bier brachte, fragte er sie, ob er einen Musik-Wunsch äußern dürfe. 

Wenn wir deine Musik im Angebot haben, spielen wir sie gern, sagte die Kellnerin. 

Habt ihr Manfred Mann’s Earth Band? fragte der andere. 

Sicher, sagte Annie, wie wär’s mit Watch? 

Die gehört zu meinen Favoriten, antwortete der Fremde. 

Annie legte die CD ein. 

Der Fremde trank sein Bier, niemand fiel etwas Besonderes an ihm auf. Außer daß seine Blicke auf den Amerikaner fixiert zu sein schienen. Er bestellte ein zweites Bier und wiegte leicht den Kopf im Takt der Musik. Annie unterhielt sich mit David Connelsen, der sie zu einer gemeinsamen Kneipentour am nächsten Montagabend einlud. Annie willigte ein. Connelsen nickte erfreut, erhob sich und ging langsam Richtung Toilette. 

Der Fremde erhob sich ebenfalls und folgte ihm. Auf der Höhe des Billardtisches holte er Connelsen ein und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Aus den Lautsprechern schallte Davy’s on the road again. Die Gäste konnten nicht verstehen, was zwischen den beiden gesprochen wurde, es hörte sich an, als sprächen sie deutsch; einige sahen, daß David offenbar erschrak über den Anblick des Fremden oder über das, was der Fremde ihm zu sagen hatte. Er wich zurück, stützte sich am Billardtisch ab, starrte aus ungläubigen Augen. Der Schwarzgekleidete redete weiter auf ihn ein, Connelsen schien dessen Worte nun unwillig abzuwehren. Plötzlich trat der Fremde einen Schritt zurück und zog unter seinem Jackett eine schwere Pistole vor. Zwei Schüsse, Connelsen stürzte, der andere warf die Pistole auf den Billardtisch, rannte zur Tür und stürmte hinaus, noch bevor jemand etwas unternehmen konnte. 

Einige Sekunden lähmende Stille, dann schrie Annie Knaepen kreischend auf. Gettemans hastete auf den am Boden liegenden Amerikaner zu. Eine Blutlache trat unter dessen Rücken hervor, er wälzte sich hin und her, röchelte, konnte aber offenbar nicht sprechen. Einen Krankenwagen, brüllte einer der Gäste, und die Polizei. Zwei, drei liefen zur Tür, blickten hinaus, suchten nach dem Fremden. Der aber war längst in der Dämmerung verschwunden. 

Gettemans hob Connelsen an den Schultern leicht an, versuchte seinen Kopf zu halten, strich ihm hilflos durch das füllige dunkelblonde Haar. Los, anrufen, schrie er zu Annie hinüber. Sie griff nach dem Telefon. Als die Kollegen eintrafen, war David Connelsen bereits tot. 

Der Tathergang scheint eindeutig darstellbar zu sein, wer allerdings der Täter ist und was sein Motiv sein könnte, ist unklar. Bisher gibt es nur die vage Vermutung, daß die Tat mit Auseinandersetzungen im Drogenmilieu zu tun haben könnte. Mit Hilfe eines Phantom-Bildes in den Zeitungen, auf Plakaten und im Fernsehen soll der Mörder möglichst schnell gefaßt werden. Vielleicht finden sich Fingerabdrücke auf der Pistole.

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